Aus der Praxis: Die emotionale Welle reiten

Ein 6 jähriger emotionaler Generator (36/35  definierender Kanal), liebt es in der Früh der Erste zu sein. Er betritt lächelnd den Gruppenraum und kann sich seine Lieblingsbereiche aussuchen.

Oft ist er schon um 5 Uhr Früh am Morgen munter, um pünktlich um 06 Uhr 30 im Kindergarten zu sein. Er liebt diese ruhige entspannte Morgenerfahrung und kann dann alle Freunde (Profil 2/4) in seinem Bereich „Willkommen“ heißen.

Nach den Weihnachtsferien hat sich der Dienstplan der Mutter eines anderen Kindes verändert, und ein Mädchen kommt überpünktlich in die Gruppe und ist somit die Erste.

Für den oben beschriebenen Jungen ist dies eine zutiefst emotional unangenehme Erfahrung. Er betritt den Raum, sieht das Mädchen ist schon da, und seine Frustration zeigt sich ganzkörperlich.

Er kann seiner Enttäuschung auch verbal Luft machen, läßt die Schultern hängen.

(Die Emotionalität zeigt sich, da das Emotionalzentrum direkt mit der Kehle verbunden ist.)

Als Pädagogin ist es aus meiner Sicht die Aufgabe diese Emotion zu beschreiben: “ Du bist heute nicht der Erste und das passt dir gar nicht. Du bist wütend…du bist enttäuscht…du möchtest gerne der Erste sein…“

Auf diese Aussagen reagiert er nickend und zieht sich in eine Rückzugsecke zurück. Wichtig ist mir in dieser Situation, das Kind für das Wahrnehmen, Aushalten und Abwarten zu loben und Hilfe, wenn notwendig anzubeiten: “ Wenn du etwas brauchst, ich bin da.“

Durch diese Morgensituation kann dieser hochgradig emotionale Generatorjunge lernen seine „emotionale Welle zu reiten“.

Es gibt nichts zu tun, kein losstürmen, kein emotionale Handlung, die ihm später leid tun könnte.

Ein Anerkennen von den eigenen Gefühlen, benennen und wissen, es geht vorbei. Die Welle kann sich verändern.

Nach einigen Tagen ist der Junge wieder der Erste im Kindergarten, da das Mädchen krank ist und nicht erscheint. Da ist große Freude schon am frühen Morgen möglich. Jubel und positive Gefühle auf allen Ebenen…ein persönliches Gefühl von Glück. Er lacht, springt hoch und stürmt in seinen Lieblingsbereich. Auch in diesem Fall werden seine Emotionen von mir verbal begleitet.

Das Leben hat ihm eine schöne Erfahrung geboten, um seine Selbstkompetenz zu vertiefen.

Wichtig war hier, dass das Kind nicht mit  Trostpreisen „gefüttert“wird ( „Du bist ja der erste Bub.“), sondern dass es in Ordnung ist, schlecht drauf zu sein. Die emotionale Welle auszuhalten, wenn sie „unten“ ist, das zu komunizieren und in diesem konkreten Fall den Rückzug als Potential zu nutzen. Als BegleiterIn in diesem Fall ist es wichtig, die Emotionalität anzuerkennen und nicht auf diese hohe Emotionalität einzusteigen.

 

 

 

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